Fast 180 Gäste bei der HGON Herbsttagung!
Das Thema der diesjährigen HGON-Herbsttagung „Vielfalt erhalten – Schöpfung bewahren“ lockte am 31. Oktober fast 180 HGON-Mitglieder
und Gäste in das Bürgerhaus nach Gießen-Kleinlinden. HGON-Vorsitzender Oliver Conz unterstrich in seiner Begrüßung
daher auch die großen Hoffnungen, die der Verband und seine Mitglieder mit dem bevorstehenden Internationalen Jahr der biologischen
Vielfalt verbinden. Der Stellenwert der Tagung wurde auch durch die lange Liste der Grußredner deutlich: Die Landtagsabgeordneten Klaus
Dietz (CDU), Ursula Hammann (Bündnis 90/ Die GRÜNEN), Manfred Görig (SPD) sowie Achim Lotz für die Fraktion DIE LINKE
beleuchteten das Tagungsthema aus ihren unterschiedlichen Blickwinkeln. Regierungspräsident Dr. Lars Witteck und die Gießener
Bürgermeisterin Gerda Weigel-Greilich betonten die gute Zusammenarbeit mit der HGON. Dies sowie der Schulterschluss zwischen
Beschäftigten und Ehrenamt waren Teil des Grußwortes von Volker Diefenbach (IG BAU).
Zentraler Veranstaltungspunkt des Vormittags war eine anderthalbstündige Podiumsdiskussion, die vom Frankfurter Zoodirektor
Prof. Dr. Manfred Niekisch moderiert wurde. Die Hessische Umweltministerin Silke Lautenschläger verdeutlichte die
Anstrengungen, die ihr Haus zur Erhaltung der biologischen Vielfalt unternimmt und spannte dabei den Bogen von der Erfassung der
heimischen Flora bis hin zum Einsatz gegen die Biopatentrichtlinie der Europäischen Union. Pfarrer Uwe Hesse, Umweltbeauftragter
der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck zeigte auf, wie die Kirchen sich des Themas annehmen und welchen persönlichen
Zugang er als passionierter Biolandwirt und Züchter seltener Haustierrassen zum Tagungsthema hat. Prof. Dr. Volkmar Wolters,
der als Leiter des Instituts für Tierökologie und spezielle Zoologie der Universität Giessen Mitveranstalter der
Tagung war, wies auf die Bedeutung der regionalen Forschung für den Erhalt der Biodiversität hin. Nach seiner Auffassung
müssen regional die Grundlagen für die Optimierung des Zusammenspiels von Nutzung und Schutz gelegt werden. Oliver Conz hob
schließlich die Bedeutung des ehrenamtlichen Naturschutzes hervor, der einen großen Anteil an der Erhaltung der biologischen
Vielfalt habe. Zugleich forderte er entschlosseneres Handeln der Politik, etwa bei der Zertifizierung des hessischen Staatswaldes oder bei
der Abwägung unsinniger Straßenbau und Tourismusprojekte. In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum standen denn
auch Eingriffsplanungen aus Nord- und Osthessen ganz oben auf der Agenda.
Das Vortragsprogramm startete mit Prof. Dr. Volker Zahner, der die Vogelartenkenntnis von Kindern verschiedener Altersklassen und
Schulformen untersucht hat. Er ließ über 3.000 Schülerinnen und Schüler die zehn häufigsten Vogelarten anhand
von Präparaten bestimmen. Seine Ergebnisse: Mädchen sind besser als Jungs, Kinder vom Lande besser als Städter und entlang der
Bildungsformen steigt die Artenkenntnis. Die Veränderungen seit einer vergleichbaren Studie in den 1980er Jahren zeigten zweierlei: die
Mädchen haben die Jungs überholt und die Artenkenntnis veränderte sich in dem Maß, in dem sich die Umwelt verändert
hat. Zahner hatte auch die Quelle der Artenkenntnis untersucht. Vor allem Verwandte sind es, zumeist die Großeltern, die bleibenden
Erfolg bei der Vogelbestimmung garantieren. Den Abschluss seines Vortrages bildete ein Appell, sich den Kindern und Jugendlichen verstärkt
zu widmen und sie auch dort abzuholen, wo sie sich heute bewegen und informieren.
Nach der Mittagspause referierte Stefan Stübing, Avifaunareferent der HGON, über die Entwicklung der Bestände
einheimischer Brutvogelarten. Den Ausgangspunkt bildete ein Blick zurück auf die bereits verschollenen ehemaligen Brutvögel.
Danach präsentierte er Einzelergebnisse der jüngsten ADEBAR-Kartierung, die auf den Beobachtungen von über
600 ehrenamtlichen Avifaunisten gründet und damit die beste Datengrundlage über die hessische Vogelwelt darstellt, die
es je gab. Stefan Stübing zeichnete eindrucksvoll sowohl die Wiederbesiedlung Hessens durch den Kolkraben anhand aktueller Karten
nach als auch die massiven Verluste die Kiebitz und Wendehals zu erleiden hatten. Als weiteres Ergebnis der vierjährigen Kartierung
konnte er erstmals Schwerpunkte der Vogelartenvielfalt benennen und zeigen, wie die Rote-Liste-Arten verbreitet sind. Ausgehend von
diesen Darstellungen erläuterte er, wie ein wirksamer Schutz von Vogelarten und davon abgeleitet von Biologischer Vielfalt
allgemein aussehen müsste.
Daran schloss sich Sven Trautmann von der Universität Mainz an, der die Auswirkungen verschiedener Klimamodelle auf die Verbreitung
der deutschen und hessischen Brutvögel darstellte. Dabei legte er nicht nur die klimatischen Auswirkungen, sondern auch die
Veränderungen der Landnutzung zu Grunde und zeichnete ein besonders düsteres Bild für Teile Südhessens. Hier könnte
sich nach den vorliegenden Prognosen der Klimawandel besonders negativ auf die Vogelartenvielfalt auswirken.
Tobias Erik Reiners vom Institut für Tierökologie und spezielle Zoologie der Justus-Liebig-Universität, hat im Anschluss
von seinen Forschungsarbeiten am hessischen Feldhamster berichtet. Mit Hilfe genetischer Untersuchungen verschiedener Feldhamsterpopulationen
hat er deren Zukunftsfähigkeit beurteilt und die trennende Wirkung von Straßen beschrieben. Seine Arbeit hat die HGON gemeinsam mit
der Licher Privatbrauerei finanziell gefördert.
Im Anschluss sprach Dr. Thomas Gottschalk (Institut für Tierökologie und spezielle Zoologie der JLU) wie die Artenvielfalt als
Indikator für nachhaltig genutzte Landschaften Pate steht. Dabei zeigte er erste Ergebnisse aus dem Nidda-Einzugsgebiet. Besonders
Augenmerk legte er dabei auf die unterschiedlichen sich zum Teil gegenseitig ausschließender Auswirkungen verschiedener
Artenfördermaßnahmen und plädierte für eine sorgfältige Planung auf regionaler Ebene.
Den Abschluss bildete der Vortrag von Prof. Volker Wissemann , allgemeine Botanik der JLU Gießen, zu dem Thema „Herausforderungen
des Artenschutzes zwischen Floristik und DNA-Taxonomie“. Dabei zeigte er auf, wie aus der Genetik nicht immer die morphologischen
Ausprägungen erklären lassen und wie sie neue Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Arten aufzeigen kann.
Im kommenden Jahr will das Land den für Südhessen zu erwartenden Waldmaikäfermassenflug mit Pestiziden auch in
Natura 2000-Gebieten bekämpfen. Dazu gab Herr Dr. Heimer einen kurzen Überblick zu den Zusammenhängen und der
Situation der Wälder in Südhessen. In Anschluss daran wurde eine
Resolution der HGON gegen diesen
Pestizideinsatz einstimmig von der HGON-Mitgliederversammlung beschlossen.
Die Exkursion der diesjährigen Herbsttagung führte in das Vogelschutzgebiet Lahnaue zwischen Atzbach, Dutenhofen und Heuchelheim,
wenige Kilometer von Gießen entfernt. Matthias Korn, Dietmar Jürgens und Rudolph Fippl begrüßten die über 60 Teilnehmer
bei kühler aber trockener Witterung. Vom Dutenhofener Bahnhof ging es über die Lahnbrücke Richtung Atzbach direkt am
Naturschutzgebiet entlang durch die Atzbacher und Heuchelheimer Lahnäcker zu Heuchelheimer und Dudenhofener See. Der
großflächige Auenbereich der Lahnaue zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Frisch- und Feuchtwiesen, sowie zahlreichen
Abgrabungsflächen mit Flachwasserteichen und Versumpfungszonen aus, die aus den großflächigen ehemaligen Auskiesungen
entstanden sind. Das Gebiet zählt heute zu den bedeutendsten Rast- und Brutgebieten in Hessen. Obwohl die Flächen einem hohen
Besucherdruck ausgesetzt und durch starke Freizeitnutzung belastet sind, finden sich hier viele Vogelarten ein. So wurden die
Exkursionsteilnehmer unter anderem mit Grau-, Bläß-, Weißwangen-, Kurzschnabel- und Rostgans und verschiedenen Entenarten,
wie Löffel-, Schnatter-, Krick-, Reiher- und Tafelente belohnt. Darüber hinaus zogen noch Grau- und Silberreiher, Lachmöwen
und mehrere Rotmilane und Kraniche über die Exkursionsgruppe hinweg. Alles in allem eine gelungene Veranstaltung, die neugierig auf
das Gebiet macht, das immer einen Besuch wert ist!
Wir danken dem Arbeitskreis Gießen für die Unterstützung bei der Tagungsvorbereitung sowie dem Möbelhaus Sommerlad
in Giessen für die Bereitstellung der Sitzmöbel für die Podiumsdiskussion.
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