Tagung

Rückblick HGON Jubiläumstagung

Der Auftakt ins Jubiläumsjahr der HGON hätte kaum besser ausfallen können. Bei herrlichem Wetter trafen sich in der beeindruckenden Kulisse von Schloss Biebrich in Wiesbaden über 200 Mitglieder zur ornithologischen Fachtagung im Jahr des 50-jährigen Bestehens. Schon die Exkursionen boten einzigartige Erlebnisse: die Halsband- und Alexandersittiche des Schlossparks boten einen für Hessen einmaligen Anblick und exotischen Höreindruck. Und unter der überaus fachkundigen Führung durch Dieter Zingel konnten die Exkursionsteilnehmer zudem viele Einblicke in die Besiedlungsgeschichte und das Leben der Neubürger sowie die Konflikte mit Teilen der Bevölkerung erhalten. Im Schiersteiner Teichgebiet hatten die Exkursionsteilnehmer das seltene Glück, eine der dort überwinternden Rohrdommeln aus nächster sehen zu können. Angeführt von Ingo Hausch, Heinz Rosenberg, Dr. Hans-Joachim Böhr und Johannes Reufenheuser konnten über 80 Teilnehmende daneben noch den ganzen Reigen der dort anwesenden Schwimmvögel sowie die dort angesiedelten Störche bewundern und zugleich Insiderinformationen über das von der HGON betreute Gebiet erhalten und einen Blick hinter die Kulissen werfen.
Der Vortragsteil der Tagung begann nach einer Videogrußbotschaft des Landesvorsitzenden des NABU mit einem Vortrag aus dem Dachverband Deutscher Avifaunisten. Dr. Johannes Wahl stellte die bundesdeutsche Rote Liste wandernder Vogelarten vor. Sie wurde erstmals erstellt und schließt eine wichtige Lücke im Naturschutz, richtet sie doch erstmals den Blick auf die Gefährdungssituation rastender und überwinternder Vögel und gibt damit eine wertvolle Richtschnur für den Vogelschutz abseits der Brutzeit. Im Anschluss berichtete Dr. Hans Valentin Bastian über einen der schillerndsten Zugvögel Deutschlands, den Bienenfresser. Seine Verbreitungsgeschichte, insbesondere seine jüngste Ausbreitung aus dem Mittelmeerraum bis an die Nord- und Ostsee stand im Mittelpunkt seines spektakulär bebilderten Vortrags. Der enorm Anstieg der Brutpaarzahlen seit 2000, auch im Nachbarland Rheinland-Pfalz, sowie die Habitatansprüche der Art lassen eine baldige Ansiedlung auch in Hessen erwarten. Mit besonderer Spannung erwarteten die Teilnehmenden die Vorträge von Dr. Karl-Heinz Frommolt und Patrick Franke zu den (neuen) Möglichkeiten der Bioakustik bei Vögeln. Den Schwerpunkt von Dr. Karl-Heinz Frommolts Vortrag bildete die Frage, inwieweit systematische Langzeittonaufnahmen zum Monitoring geeignet sind und wo die Grenzen der Methode liegen. Schwierigkeiten liegen vor allem in der automatischen Arterkennung, die artspezifisch unterschiedlich genau funktioniert. Patrick Franke zeigt dagegen auf, wie die weit verbreiteten Aufnahmemöglichkeiten z. B. an Smartphones einen deutlichen Erkenntniszuwachs in der bioakustischen Forschung gebracht hat und wie dieser im Zusammenspiel mit anderen Methoden der Artdifferenzierung eingesetzt werden kann. Den Abschluss des ersten Vortragstages bildete Prof. Dr. Petra Quillfeldt, die aus der Arbeit der von ihr an der Justus-Liebig-Universität, Gießen, betreuten Arbeitsgruppe Verhaltensökologie berichtete. Vertieft ging sie dabei auf Untersuchungen zu den Ursachen der Bestandsentwicklung heimischer Taubenarten (insbesondere Turteltaube und Hohltaube) sowie auf vergleichende Untersuchungen an ursprünglich waldbewohnenden Vogelarten in Stadt- und Waldlebensräumen ein.
Unbestreitbarer Höhepunkt des Gesellschaftsabend war - neben dem hervorragenden Essen aus biologischem Anbau - die Versteigerung handsignierter Illustrationen bekannter Vogelzeichner in der malerischen Kulisse der Rotunde von Schloss Biebrich. Professionell moderiert vom HGON-Hauspianisten und Unterhaltungsprofi Frank Mignon, vielen bekannt als bissiger Kommentator des Geschehens in Mittelhessen, kamen über 1.000 Euro für den guten Zweck zusammen.
Der Vormittag des zweiten Tages stand zunächst ganz im Zeichen des HGON-Jubiläums. Zu einem halben Jahrhundert HGON gratulierte als erste die Hessische Ministerin für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Priska Hinz. Sie nutzte die Gelegenheit, die Grundzüge ihrer Naturschutzpolitik für die kommenden Jahre zu umreißen und spannte den Bogen vom Klimaschutz bis zur Stilllegung von Waldflächen im Staatswald. Von den im Landtag vertretenen Parteien sprachen die Vize-Präsidentin des Landtags, Ursula Hammann, für Bündnis 90 / Die Grünen, Peter Stephan für die CDU-Landtagsfraktion und Timon Gremmels für die SPD-Landtagsfraktion die Glückwünsche ihrer Fraktionen aus. Für den BUND Landesverband gratulierte der Vorsitzende des Landesnaturschutzbeirats Jörg Nitsch. Er brachte als Überraschung die Fahne der HGON-Jugend mit, die er als Zivildienstleistender der HGON in den 1980er Jahren an sich genommen hatte. Nach ihm gratulierten aus den Reihen der befreundeten Verbände Jörg Weise für die Botanische Vereinigung für Naturschutz in Hessen und Rurjig Nentwig für den Verband Hessischer Fischer. Für die Beamten und Angestellten in den Naturschutzbehörden und bei Hessen-Forst beglückwünschte Claudia Mävers, die Vorsitzende der entsprechenden Landesvertretung in der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt die HGON und drückte ihre Freude über die bisherige und künftige Zusammenarbeit aus.
Im ersten Vortrag blickte der Vorsitzende der HGON, Oliver Conz, zurück auf 50 Jahre HGON und beschrieb aus seiner Sicht die Schwerpunkte der Arbeit der kommenden Jahre. Er verwies auf die vielen Erfolge der HGON, die das Gesicht Hessens geprägt haben. Dazu zählen die Wiederbesiedlung des Landes durch zahlreiche einstmals ausgerottete Arten, die deutliche Bestandserholung vieler im Gründungsjahr seltener Brutvögel, die Verachtfachung der NSG-Fläche und auch das im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Gruppen stetige Wachstum der Mitgliederzahlen. Dennoch bleiben noch viele Dinge zu tun: für die Artengemeinschaft der sommergrünen mitteleuropäischen Laubwälder tragen wir gerade als Hessen die größte Verantwortung, hier brauchen wir mehr natürliche Entwicklung. Die Bestandsentwicklung der Vögel der Agrarlandschaft ist dramatisch, die jetzt schon unausweichliche Veränderung des Klimas erfordert Anpassungsstrategien im Naturschutz und dazu bedarf es Fläche. Deswegen muss der Flächenverbrauch drastisch reduziert werden. Das alles wird nur in Kooperation mit vielen gesellschaftlichen Gruppen zu erreichen sein, getreu dem Motto von Willy Bauer: "Der Einzelne vermag nichts im Naturschutz."
Im anschließenden Vortragsblock stand der Vogelschutz, national und international im Mittelpunkt. Dr. Elsa Nickel, Abteilungsleiterin für Naturschutz und Nachhaltige Nutzung im Bundesumweltminis-terium, beschrieb die Aufgaben und Initiativen der Bundesregierung auf dem Gebiet des Vogelschutzes. Sie reichen von Programmen für die nationalen Verantwortungsarten über das Monitoring bis hin zum Zugvogelschutz im Rahmen internationaler Abkommen. Dr. Norbert Schäffer berichtete aus seiner Arbeit im internationalen Vogelschutz und zeigte dabei die enormen Herausforderungen auf, die der Vogelzug seltener Arten in weniger entwickelten Regionen der Welt für den Vogelschutz bedeutet. PD Dr. Stefan Garthe gab dem begeisterten Publikum nach der Mittagspause spannende Einblicke in die abenteuerliche Welt der Erforschung von Hochseevögeln. Am Beispiel der Baßtölpel konnte er aufzeigen, mit welchen Unwägbarkeiten die Forscher an den Brutfelsen der Vögel zu kämpfen haben und mit welchen Techniken sie die Vögel außerhalb der Brutzeit auf ihren Wanderungen über die Weltmeere verfolgen. Dr. Gilberto Pasinelli, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Vogelkunde und Wissenschaftler an der Vogelwarte Sempach, stellte einen kleinen Langstreckenzieher, den Waldlaubsänger, in den Mittelpunkt seines Vortrages. In der Schweiz hat man sich im Brutgebiet auf die die Suche nach den Rückgangsursachen der Art gemacht und dabei spannende Ergebnisse zu Sozialverhalten, Lebensraumansprüchen und Prädation erhalten, aber auch eine Reihe von Fragen aufgeworfen, die im weiteren Verlauf der Untersuchung geklärt werden sollen.
Mit Dagmar Stiefel, die seit November 2013 die Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland leitet, begann schließlich ein Vortragsblock mit ur-hessischen Themen. Sie stellte grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis zwischen ehrenamtlichem und behördlichem Vogelschutz an und machte auf die Zielkonflikte und unterschiedlichen Aufgaben aufmerksam. Stefan Stübing, Avifauna-Referent der HGON informierte die Teilnehmenden über aktuelle Ergebnisse aus dem HGON-Rotmilan-Projekt "Rettet die Roten". Er begeisterte mit der Fülle an neuen Erkenntnissen, die Satelliten-Telemetrie und Geolocatoren über Leben, Zugwege und Winterquartier der hessischen Rotmilane zutage fördern. Spannend war unter anderem, dass alle Rotmilane die Pyrenäen in einem vergleichsweise winzigen Abschnitt überqueren, auf dem sie vielen Gefahren ausgesetzt sind. Den faszinierenden Abschluss eines rundum gelungenen Wochenendes bildete Dr. Matthias Werner mit seinem Vortrag über die Rückkehr des Zwergsumpfhuhnes nach Hessen. Die Art ist nach über 100 Jahren wieder als Brutvogel in Hessen aufgetreten. Dr. Werner illustrierte die historische Verbreitung, die sich gut mit den neuerlichen Funden deckt. Er konnte einzigartige Rufaufnahmen von Bernd Petry präsentieren und den Tagungsteilnehmenden ein anschauliches Bild von Lebensraumansprüchen und Biologie der Art vermitteln. Sein Vortrag endete mit einem Aufruf, sich stärker mit den kleinen Rallen und ihren Vorkommen in Hessen zu beschäftigen.

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