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Sehr geehrter Herr Roland,
natürlich hat Ihr Bericht über die Ausbringung eines Totalherbizids zur Aussaatvorbereitung einer Blühmischung auf Veranlassung des Jagdpächters meine Aufmerksamkeit geweckt, einmal als Jäger, und dann als jemand der sich seit mehr als 15 Jahren mit der Anlage von Hegeäckern (für Rebhühner) befasst.
Grundsätzlich muss man natürlich diese Ausbringung eines Totalherbizids in der Brutzeit als etwas unüberlegt bezeichnen.
Andererseits: als Jäger habe ich seit vielen Jahren ein reines Feldrevier (Domäne) von 200 Hektar Größe gepachtet. Zur Hege der wenigen Rebhühner (ca. zwei Völker jeden Herbst) hat mir der Landwirt zwei Wildäcker von je etwa 0,3 Hektar Größe zur Verfügung gestellt. Diese werden mit einer Wildackermischung (bevorzugt die von Wildmeister Artur Amann im Lehrrevier Kranichstein entwickelte Wildgeflügelmischung, angereichert durch Saaten alter Kultur- und Heilpflanzen) eingesät. Diese Mischung ist zweijährig, d.h. eine Bearbeitung der Fläche erfolgt nur alle zwei Jahre. Es gibt aber auch mehrjährige Mischungen (allen voran die unübertroffene, kräuterreiche Kranichsteiner Mischung – leider sehr teuer). Der Landwirt, der mir die Flächen kostenlos (!) zur Verfügung stellt, übernimmt auch die Bearbeitung (ebenfalls kostenlos!), ich brauche nur das Saatgut bezahlen.
Wer – wie wir Jäger – regelmäßig den Arbeitsaufwand für die Beseitigung von Wildschäden bezahlen muss, weiß was eine landwirtschaftliche Arbeitsstunde kostet (Mann und Schlepper, > 45 €; dazu Kosten für landwirtschaftliches Gerät und Rüst- und Wegezeit) und kann ermessen, wie großzügig das ist.
Der Landwirt besteht aber darauf, dass vor der Einsaat mit einem Herbizid gegen Disteln und Ampfer (Zuckerrübenanbauer!) gespritzt wird. Um solche Bilder, wie sie jetzt bei Ihnen zu sehen, sind zu vermeiden, wird der Wildacker bereits vor der Vegetationszeit umgebrochen (dann erwischt es leider den ersten Satz Junghasen), der Acker ist also zu Beginn der Brutzeit schwarz und für Brutvögel unattraktiv. Vor der Einsaat wird dann gespritzt. Außerdem ist die gewählt Mischung reich an zweijährigem Johannisroggen, der die unerwünschten Pflanzen ausdunkelt. Im Zweifelsfall wird der Jagdpächter dennoch vorhandene Disteln oder Ampfer von Hand mähen oder hacken, um erneuten Herbizideinsatz zu vermeiden (keine schöne Arbeit, aber eben Naturschutz – waidmännisch). Nur unter der Bedingung, dass von den Wildäckern kein Samenflug der unerwünschten Wildkräuter ausgeht, der den Herbizideinsatz (Kosten!) auf den Nachbarflächen erhöht, kann ich überhaupt diese blühenden Wildäcker erhalten. Bei mehrjährigen Mischungen unterbleibt dann aber jede maschinelle Bearbeitung und jeder Herbizideinsatz – bis zur Neueinsaat.
Übrigens einige Biolandwirte machen es, wie ich beobachtet habe, ganz anders! Sie mähen aus Angst vor Unkräutern die Stilllegungsflächen – Brut- oder Setzzeit hin oder her – alle paar Wochen, was jede erfolgreiche Jungenaufzucht oder Vogelbrut mit Sicherheit ausschließt.
Also Fazit: Der von Ihnen beschriebene Herbizideinsatz war unglücklich, aber doch sicher nichts im Vergleich zu der in diesen Wochen wieder einsetzenden Mähwut der Gemeinden, Bodenverbände und Landwirte an Wegrainen, Brachen, Gräben usw. mitten in der Brutzeit. Dafür ensteht auf diesen Flächen jetzt ein für mehrere Jahre herbizid- und mähfreier Lebensraum mit zahlreichen aus der Kulturlandschaft verschwundenen Kräutern und alten Kulturpflanzen.
Selbstverständlich bleiben die Naturschutzverbände aufgefordert, selbst Flächen in den durch die industrielle Landwirtschaft besonders verarmten Agrarlandschaften (die Wetterau drängt sich hier doch förmlich auf!) anzukaufen oder anzupachten, um diese dann – völlig herbizidfrei – in Oasen der Biodiversität zu verwandeln.
Auch hier gilt das Motto: nicht besser wissen, sondern besser machen!!
Auf der Domäne Vogelsburg werden, wenn die Saat gut aufläuft, auch in diesem Jahr wieder Wildäcker blühen als Bienen- und Insektenweide, als Brutplatz für Rebhühner, als farbiger Punkt in der Agrarlandschaft, als Rastplatz für Wolken durchziehender Kleinvögel im Herbst, als warme Deckung für die Hasen in einer frostigen Winternacht. Wenn – ja wenn die Sauen sie nicht wieder verwüsten, aber dann wird halt von Hand nachgesät. Naturschutz – eben waidmännisch.
Herzliche Pfingstgrüße von der Werra
Dr. Jörg Brauneis
Das beigefügte Bild zeigt einen Rebhuhnwildacker auf der Domäne Vogelsburg bei Eschwege im Herbst.
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Landkreis: Werra-Meißner
Vogelgebiet: 0
Fotograf: Dr. Jörg Brauneis
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