Forschungsprojekte

Forschungsprojekt Blaukehlchen

Männliches Blaukehlchen aus dem Tagebau Gombeth. (Foto Franziska Hillig)
Die Abflussgräben im Tagebau sind typisches Nahrungshabitat der Blaukehlchen. (Foto Christian Gelpke)

Lebensraum

Das farbenprächtige Blaukehlchen, mit seiner wunderschön blau schillernden Kehle und seiner leuchtend roten Schwanzbasis, hält sich vorzugsweise am Boden auf, sucht hier Nahrung und legt sein Nest an. Den ursprünglichen Lebensraum dieser Art bildete die „dynamische Aue“, wo durch Hochwasserereignisse immer wieder offener Boden, Schlammflächen, Sukzessionsbereiche und Verlandungszonen geschaffen wurden. Da dieser Lebensraum heute extrem selten geworden ist, wäre das Blaukehlchen unmittelbar vom Aussterben bedroht, wenn es nicht auf anthropogen geschaffene Lebensräume, wie die Verlandungszonen von Baggerseen, auf Schlämmteiche und Abraumflächen von Kiesteichen oder Sandgruben ausgewichen wäre. Mancherorts brütet es mittlerweile sogar in Rapsfeldern. Allen Lebensräumen des Blaukehlchens ist ein Mosaik aus dichter Vegetation, wie Schilfgebiete oder dichteres Gebüsch zur Anlage des Nestes und Bereiche mit offenem Boden für die Nahrungssuche, sowie einzelne höhere Birken, Schilf- oder Röhrichthalme als Singwarte gemein.

Verbreitungsgebiet

Das Blaukehlchen kommt in seinem großen Verbreitungsgebiet in mehreren Unterarten vor. Zwei der Unterarten kann man deutlich an ihrem Aussehen unterscheiden. Die in Hessen und Deutschland, sowie entlang der Ostseeküste bis nach Finnland verbreitete Unterart ist das Weißsternige Blaukehlchen (Luscinia svecica cyanecula), das als Erkennungsmerkmal einen weißen Stern in der blauen Kehle trägt. Der Brutbestand dieser Unterart beläuft sich insgesamt auf etwa 11.000-15.000 Brutpaare (Bauer & Berthold 1997), wovon mehr als die Hälfte in Deutschland brüten (Kreuziger & Stübing 2005, 2006). Aufgrund des hohen Anteils an der gesamten Weltpopulation dieser Unterart haben wir in Deutschland eine besondere Verantwortung für den Bestand und den Erhalt dieser Vogelart.
Ein deutlich größeres Verbreitungsgebiet weist das Rotsternige Blaukehlchen (Luscinia svecica svecica) auf, das allerdings in Deutschland nur selten auf dem Durchzug zu beobachten ist. Diese Unterart ist mit mehreren Hunderttausend Brutpaaren in einem breiten Band über ganz Eurasien von Skandinavien bis nach Nordalaska verbreitet. Kleine Brutvorkommen sind auch aus den Alpen bekannt.

Bestand Deutschland und Hessen

Jahrzehntelang als einer der seltensten und bedrohtesten Brutvögel Deutschlands geltend, haben sich die Bestände des Blaukehlchens in Deutschland seit Ende der 1980er Jahre rasant erholt. Dies war in Teilen des Verbreitungsgebiets nur durch die Besiedlung von Sekundärlebensräumen wie Schlämmteiche und Kiesgruben bis hin zu Rapsfeldern möglich. Von bundesweit etwa 1.000 Revieren Ende der 1970er Jahre hat eine Zunahme auf mittlerweile annähernd 7.000 Reviere stattgefunden. Die Schwerpunkte der Zunahme liegen jedoch auffallend konzentriert in den Marschen und Mooren Niedersachsens (3.000 Rev.) und in Bayern (1.700 Rev.). In Mittel- und Ostdeutschland fand keine nennenswerte Zunahme statt, zumal es sich hier lediglich um wenige, isolierte Brutplätze handelt. In Hessen stieg der Bestand auf inzwischen ca. 500 Rev. an (Kreuziger & Stübing 2005, 2006).

Verbreitung des Blaukehlchenbestandes in Hessen zwischen 2000 und 2004. Quelle: Kreuziger und Stübing (2005)
Der im Jahr 2008 von 10 Paaren besiedelte Bereich im Tagebau Gombeth. (Foto Christian Gelpke)

Untersuchungsgebiet

Im nordhessischen Schwalm-Eder-Kreis konnte die Entwicklung einer im weiteren Umfeld von ca. 80 km isolierten Blaukehlchen-Population seit der Ansiedlung 1991 verfolgt werden. Der Bestand konzentriert sich hier hauptsächlich auf zwei Gebiete, einmal die ehemaligen Schlämmteiche bei Niedermöllrich und auf den ehemaligen Braunkohle-Tagebau Gombeth. Nachdem im Jahr 2000 der Spitzenwert von etwa 50 Revieren festgestellt werden konnte, nahmen die Bestände seither kontinuierlich auf etwa 25 Reviere ab ( Gelpke mdl. 2007). Die Ursachen für den Bestandsrückgang liegen vermutlich vor allem in der zunehmenden Sukzession und Verlandung der Schlämmteiche und dem damit einhergehenden Verschwinden der wichtigen Offenboden- und Schilfbereiche begründet. Gleichzeitig bedroht der kontinuierlich steigende Wasserstand im mittlerweile gefluteten Tagebau einen großen Teil der Population (aktuell 10 Reviere). Abseits dieser beiden Bereiche existieren nur wenige weitere Vorkommen mit ca. 3 bis 6 Revieren. Der Rückgang dieser Vorkommen ist angesichts ihrer verbindenden Lage zwischen den großen Beständen in Bayern und auch in Südhessen sowie der nordwestdeutschen Population besonders bedauerlich.

Das Projekt

Die wissenschaftliche Vogelberingung dient schon seit mehr als 100 Jahren (erster beringter Vogel 1899, Hirschfeld 2007) der Erforschung der Zugwege und Überwinterungsgebiete der Vögel. Gerade bei Singvögeln ist es aufgrund ihrer geringen Körper- und damit Ringgrößen schwierig, die individuelle Nummer auf dem kleinen Metallring am Vogel mit dem Fernglas oder bloßen Auge abzulesen. Meist ist es daher notwendig, den Vogel dafür zu fangen. Eine Möglichkeit, die Vögel so zu kennzeichnen, dass sie durch bloßes Beobachten individuell unterschieden werden können, besteht darin, die Tiere zusätzlich zu dem Metallring mit Farbringen zu versehen. Jedem im Projektgebiet gefangenen Blaukehlchen wird daher eine individuelle Kombination aus drei Farbringen zugeteilt, die ihn unverwechselbar machen. Als Projektkennung dient ein hellgrün-weiß gestreifter Ring, der dieses Projekt von anderen Blaukehlchen-Farbberingungsprojekten in Frankreich, Spanien, Belgien und Portugal abgrenzt und der oberhalb des Vogelwartenmetallringes befestigt wird. Am jeweils anderen Bein wird der Vogel mit zwei verschiedenen Farbringen markiert. In Deutschland ist dieses Projekt im Augenblick das Einzige seiner Art
Durch die Farbmarkierung dieser nordhessischen Population sollen, begünstigt durch die isolierte Lage und die begrenzte Anzahl besiedelter Gebiete, Daten zu Lebensraumnutzung und Populationsbiologie des Blaukehlchens erhoben werden:

  • Welche Wanderbewegungen können zwischen den beiden Schwerpunktvorkommen im Tagebau und den Schlämmteichen sowie umliegenden Äckern verzeichnet werden, bzw. finden großräumige Ab- und Zuwanderungen statt?
  • Exemplarisch kann hier besonders gut die Frage verfolgt werden, wie die Tiere auf Lebensraumverlust reagieren: Wie wirkt sich das sukzessive Verschwinden des Schwerpunktvorkommens im Tagebau Gombeth durch Überflutung aus? Wandern die Tiere großräumig ab oder versuchen sie eine Ansiedlung in weniger geeigneten, näher gelegenen Bereichen (z. B. auch umgebendes Ackerland mit Raps)?
  • Weiterhin soll die Farbmarkierung bei der Klärung der Frage helfen, ob sich die gegenüber der Revierkartierung „überzähligen“ Tiere am Brutgeschehen beteiligen (Brutreserve, Helfer oder brutwillige Vögel, die aufgrund des begrenzten Lebensraumumfangs kein eigenes Revier etablieren konnten).
Beringung im Tagebau Gombeth. (Foto Franziska Hillig)

Projektdauer und Durchführung

Beringung

Das Projekt soll bis zur vollständigen Flutung des Tagebaus Gombeth um das Jahr 2015 durchgeführt werden. Während dieser Zeit werden jedes Jahr im Frühjahr und Sommer möglichst alle Alt- und Jungvögel der in den genannten Gebieten siedelnden Blaukehlchen mit Farbringen versehen.


Lebensraumschutz

Um das Überleben der größten nordhessischen Blaukehlchen-Population zu sichern, sind umfangreiche Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Lebensräume notwendig. Im Bereich der Schlämmteiche sollen dazu durch den Einsatz von Rindern und Pferden langfristig geeignete Lebensräume erhalten werden. Den Vorkommen im Tagebau kann nur durch die Schaffung von Ausweichlebensräumen geholfen werden.

Bitte um Mithilfe

Für die Erfassung der Aufenthaltsorte und Bewegungen der farbmarkierten Blaukehlchen sind wir auf die Mithilfe von möglichst vielen Beobachtern angewiesen. Jede Ablesung einer Farbringkombination mit dem genauen Standort des Vogels ist wichtig, um die genannten Fragen zu beantworten. Dabei sollte nicht nur in den angegebenen Gebieten auf Vögel mit Farbringen geachtet werden, sondern auch in anderen Blaukehlchenbrutgebieten, da auch dort Vögel aus der farbmarkierten Population auftauchen können. Bei der Angabe der Markierungs-Kombination ist darauf zu achten, dass die Seitenbezeichnung der Ringanordnungen immer aus der Sicht des Vogels erfolgen. Beobachtungen farbmarkierter Blaukehlchen (auch solche, bei denen die genaue Ringkombination nicht zu erkennen war) erbitten wir an folgende Adresse. Als Dankeschön erhält jeder Melder umgehend die Beringungsdaten „seines“ Blaukehlchens und falls vorhanden dessen Lebensgeschichte.

Auch unsere Maßnahmen zum Schutz der nordhessischen Blaukehlchen sind nicht nur zeit-, sondern auch kostenintensiv. Vor allem das Anlegen und Schaffen von Ersatzlebensräumen für die gefluteten Bruthabitate im Tagebau Gombeth und die Verbesserung der Lebensräume an den Schlämmteichen ist hier als besonders wichtig zu nennen. Wir bitten Sie daher auch um Ihre Unterstützung unserer Vorhaben.

Ganz herzlichen möchten wir uns bei der Vogelwarte Helgoland, der Staatlichen Vogelschutzwarte für Hessen, Rheinland Pfalz und Saarland, der Unteren Naturschutzbehörde Schwalm-Eder-Kreis und der Oberen Naturschutzbehörde (Regierungspräsidium Kassel) für die Unterstützung des Vorhabens und die Erteilung der erforderlichen Genehmigungen bedanken.

Ein ebenso herzliches Dankeschön gilt der Naturlandstiftung für die finanzielle Unterstützung des Projektes.

Kontakt: Franziska Hillig: franziska.hillig(at)hgon.de (Mobil: 01577/5757071)

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