Tankstelle für Weltenbummler
Der Wasserstand im Naturschutzgebiet (NSG) Bingenheimer Ried folgt den Verhältnissen in natürlichen Auenlandschaften mit weitläufiger, flacher Überflutung ab dem Spätwinter bis ins Frühjahr infolge von Hochwassern oder Niederschlägen. Spätestens im Hochsommer trocknen diese Flachwasserbereiche allmählich aus und können anschließend teils sogar mit Rindern beweidet werden. Das Trockenfallen, wie es auch für natürliche Senken und Flutmulden typisch ist, schafft für einige Wochen großflächige Rastgebiete für zahllose Wat- und Wasservögel. Besonders die vielen Watvogelarten sind mit ihren von kurz bis sehr lang variierenden Beinen und Schnäbeln artspezifisch an unterschiedliche Wassertiefen angepasst. So nutzen Kiebitze, Regenpfeifer, Strandläufer und Bekassinen schlammige oder nur wenig überstaute Bereiche und die Wasserläufer Wasserstände von 5 bis 20 cm. Brachvögel sowie Ufer- und Pfuhlschnepfen suchen Nahrung in noch tiefer unter Wasser stehenden Teilbereiche. Diese Anpassungen ermöglichen ein enges Nebeneinander zahlreicher Watvögel: derzeit sind es allein knapp 20 Arten mit bis zu 200 Vögeln, darunter jeweils gut 50 Bruchwasserläufer und Bekassinen, rund 25 Kampfläufer und zusätzlich der besonders häufige Kiebitz mit rund 350 Tieren. Seltenere Arten sind Sichel-, Zwerg- und Temminck-Strandläufer sowie Steinwälzer.
Unter den Watvögeln finden sich viele Arten mit außerordentlich weiten Zugwegen: Sie brüten in Sibirien und haben bis zu uns nach Deutschland teils schon rund 4.000 km zurückgelegt. Die Winterquartiere vieler dieser Watvögel liegen in West- und sogar Südafrika, was einer gesamten Zugstrecke von etwa 14.000 Kilometern zwischen Brut- und Winterquartier entspricht. Offenbar hält dieser Langstrecken-Marathon von im Jahr fast 30.000 Kilometern Zugweg fit – die nur amselgroßen Knutts zum Beispiel werden bis zu 25 Jahre alt und legen, wenn sie zu den Südafrika-Ziehern gehören, in dieser Zeit allein auf dem Zug 700.000 Kilometer zurück. Damit könnten die nur gut 100 Gramm leichten Vögel zweimal bis zum Mond gelangen! Geeignete Rastgebiete, an denen die Vögel ihre Energiereserven auftanken können, sind für das Überleben der Arten angesichts dieser enormen Flugleistungen essentiell. Das Bingenheimer Ried ist eine solche überlebenswichtige Tankstelle für die Weltenbummler. Derzeit sind vor allem die in diesem Jahr geschlüpften Jungvögel zu sehen, die Altvögel sind schon einige Wochen früher durchgezogen. Neben den Watvögeln rasten einige hundert Enten aus verschiedenen Arten und die Gesamtzahl der Grau- und Silberreiher sowie Weißstörche liegt bei bis zu 200 Vögeln.
Auch für Amphibien und Libellen ein wichtiger Lebensraum
Durch das herbstliche Trockenfallen entstehen im kommenden Frühjahr (weitgehend) fischfreie Bedingungen, woran verschiedene Amphibienarten wie Laubfrosch, Kammmolch oder Wechselkröte angepasst sind. Auch mehrere Libellenarten wie Südliche Mosaikjungfer und Südliche Binsenjungfer sind an diesen Zyklus angepasst. Sie legen ihre Eier im Hochsommer in Schlamm, Vegetation oder Flachwasser und die Larven entwickeln sich erst ab dem kommenden Frühjahr in den dann neu entstandenen Wasserflächen. Für eine erfolgreiche Entwicklung benötigen sie Gewässer ohne oder mit nur geringem Fischbestand, problematisch sind in diesem Zusammenhang besonders die Neozoen Sonnenbarsch und Blaubandbärbling. Das Austrocknen des Gebietes ist daher nicht nur günstig für die Watvögel, sondern auch die Grundlage für die immense Bedeutung der Amphibien- und Libellenbestände. Die Südliche Heidelibellen konnte im Bingenheimer Ried sogar ihre bundesweit größte Population aufbauen.