Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e.V.

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Forschung  Vögel 

Bedrohungskarten für Zugvögel

Wo sind ziehende, europäische Brutvögel anthropogenen Gefahrenquellen ausgesetzt?

Direkte Mortalität, Lebensraumveränderung und Klimawandel

Anthropogen-bedingte Todesursachen und Gefahren für Vögel sind vielfältig. Hierzu zählen Faktoren, die direkt zum Tod führen können, wie Stromschlag, Jagd oder Kollision an Glasscheiben oder mit Fahrzeugen. Das Kollisions-Risiko wird zudem häufig durch künstliches Licht in der Nacht erhöht – Stichwort: Lichtverschmutzung. Etwas indirekter zu Populations- und Individuen-Verlusten führen Aspekte wie der Wandel in der Landnutzung (z.B. landwirtschaftliche Intensivierung oder erhöhter Einsatz von Pestiziden und Herbiziden) und der Klimawandel (z.B. Zunahme von Extremwetterereignissen, Verschiebung der Klimazonen und der phänologischen Jahreszeiten). Zugvögel gelten als besonders anfällig für die vom Menschen verursachten Bedrohungen, da sie sich während des Jahreszyklus in geographisch unterschiedlichen Gebieten aufhalten. Die Ermittlung der relativen Bedeutung verschiedener Gefahrenquellen innerhalb der räumlich unterschiedlichen saisonalen Verbreitungsgebiete von Zugvögeln ist notwendig, um die (Hinter-)gründe, die negative Populationstrends verursachen, zu verstehen und diesen entgegenzuwirken. Wie sich 16 anthropogen-bedingte Gefahrenquellen auf 103 europäische Brutvogelarten, die Kurz- oder Langstreckenzieher sind, auswirken und wo diese Gefahren besonders präsent sind, hat ein Forscherteam um Claire Buchan (Wissenschaftlerin an der Universität von East Anglia, UK) untersucht.

Die Studie mit dem Titel „Spatially explicit risk mapping reveals direct anthropogenic impacts on migratory birds” wurde im Juni 2022 in der Fachzeitschrift “Global Ecology and Biogeography“ veröffentlich.

In Europa ist es am gefährlichsten?

Die Autor*innen kombinierten eine Reihe von Datenquellen, um Risikokarten für anthropogene Bedrohungen in der gesamten afro-paläarktischen Region zu erstellen. Darunter auch die erste räumlich explizite Karte, die den Jagddrucks auf Zugvögel zeigt. Eine kumulative Risikoexposition wurde erstellt, indem die Bedrohungen danach gruppiert wurden, ob sie eine direkte Sterblichkeitsbedrohung darstellen (z.B. Kollisionsrisiken), Bedrohungen, die durch indirekte Auswirkungen von Umweltveränderungen entstehen (Lebensraumverschlechterung, z. B. durch den Verlust von Nahrungsressourcen) oder das Potenzial für beides (direkt und indirekt) besitzen, wie der Klimawandel (z.B. Extremwetterereignisse, Rückgang der Ressourcenverfügbarkeit). Anschließend untersuchten die Wissenschaftler*innen inwieweit die räumlich expliziten Indizes der Gefährdung mit der Entwicklung der Brutpopulationen der 103 Zugvogelarten korrelieren.

Das Forscherteam hat im Rahmen der Studie festgestellt, dass eine größere Anfälligkeit für direkte Mortalitätsgefahren (einschließlich Jagddruck, Infrastruktur und nächtliche Beleuchtung), insbesondere in der Nichtbrutzeit (Zug und Überwinterung), mit rückläufigen Vogelpopulationen einhergeht. Es zeigte sich auf breiter räumlicher Ebene, dass in Europa die meisten, insbesondere die direkten, Bedrohungskategorien stärker ausgeprägt sind als in anderen Teilen der untersuchten afro-paläarktischen Region.

Die in der Studie entstandenen Bedrohungskarten verdeutlichen die unterschiedliche Intensität und räumliche Verteilung der Bedrohungen für Zugvögel in ihren saisonalen Verbreitungsgebieten. Das Forscherteam stellte eine konsistente negative Beziehung zwischen Populationstrends und der Anfälligkeit der Verbreitungsgebiete für direkte Mortalitätsrisiken während der Nichtbrutzeit fest. Dies deutet laut Forscher*innen darauf hindeutet, dass anthropogene Faktoren, die das Überleben während des Winters und während der Migration beeinflussen (z.B. Jagd, nächtliche Beleuchtung und Infrastruktur) eine bedeutende Rolle beim Rückgang der Zugvögel spielen.

Erstmalige kontinentübergreifende Bewertung des relativen Jagddrucks

Die Jagd ist laut Autor*innen ein komplexes und sensibles kulturelles Thema und bedingt durch unterschiedliche Hintergründe, wie beispielsweise Ernährung („Buschfleisch“), Sport, Tradition oder Magie (Glaube an Heilkräfte). Die in der Veröffentlichung dargestellte Karte zeigt den relativen Jagddruck und wie dieser je nach Gebiet variiert (Abb. 2). Es zeigt sich, dass in Afrika insbesondere Nigeria, Malawi und die Republik Guinea besondere Hotspots für die Vogeljagd sind. Die Bejagung von Großvogelarten - insbesondere von Wasservögeln - war im Allgemeinen in den nord- und osteuropäischen Ländern stärker, die Bejagung von kleineren Vogelarten dagegen in Südeuropa intensiver. Hier wiesen die befragten Experten insbesondere auf die Jagd für den Handel mit Singvögeln hin und erwähnten die Standorte von Jagdgebieten, die durch die Rastplätze von ziehenden Turteltauben (Streptopelia turtur) bestimmt werden. Zu den Jagdopfern dort könnten auch hessische Turteltauben zählen.

Das Autorenteam betont jedoch, dass die Bewertung des Jagddrucks hauptsächlich auf Expertenmeinungen beruht und daher anfällig für Verzerrungen sein kann.

Direkte, anthropogen-bedingte Mortalitätsbedrohungen beseitigen

Das Forscherteam führt an, dass die Risiken, die von direkten Mortalitätsbedrohungen ausgehen, vermutlich sowohl am leichtesten zu erkennen als auch am einfachsten abzumildern sind. Hier könnte beispielsweise das Kollisionsrisiko mit Windenergieanlagen oder das Risiko für den Tod durch Stromschlag an Freileitungen verringert werden. Diese Bedrohungen sind beispielsweise relevant für den Schwarzstorch (Ciconia nigra).

Die Ergebnisse der Studie von Buchan et al. (2022) unterstreichen die Bedeutung von ganzjährigen und räumlich expliziten Ansätzen zur Quantifizierung der anthropogenen Faktoren, die zum Rückgang von Vogel-Populationen beitragen.

Autorin: Yvonne Schumm

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