Drei Adlerarten gleichzeitig in der Wetterau
Zwar ist das bekannte Naturschutzgebiet Bingenheimer Ried in diesem Hitzesommer schon Ende Juli und damit einige Wochen früher als in normalen Jahren ausgetrocknet, so dass dort aktuell keine Wasser- oder Watvögel zu beobachten sind. Dennoch verabschiedete sich das Ried mit einer sehr bemerkenswerten Vogelart in die Herbst- und Winterpause: einem Schlangenadler!
Der seltene Gast war hier ab Anfang August für dreieinhalb Wochen oft außergewöhnlich gut zu sehen und lockte zahlreiche Vogelbegeisterte, heute oft als Birder bezeichnet, in das Bingenheimer Ried. „Schlangenadler haben bis vor rund 160 Jahren in Hessen gebrütet. Zuhause waren sie damals vor allem im Taunus und Odenwald, aber auch in der Südspitze des Landes in der Rheinebene“, berichtet Stefan Stübing, Vogelexperte bei der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON) in Echzell. Die Hauptbeute der großen, imposanten und unterseits auffallend hell gefärbten Vögel sind Schlangen. Heute gibt es nirgends in Deutschland noch eine ausreichende Nahrungsgrundlage, um Bruten der großen Adler zu ernähren. Der Schlangenadler zählt daher zu den in Deutschland ausgestorbenen Vogelarten. Die nächstgelegenen Brutgebiete befinden sich nun im mittleren Frankreich und in Norditalien.
Von dort gelangen sehr selten einzelne Adler bis nach Hessen. Nach jahrzehntelanger Pause stammen erste Beobachtungen aus den 1990er Jahren. Seit 2015 wird der auffallende Greifvogel in unserem Raum zwar alljährlich, aber meist mit nur einem Individuum beobachtet. Lediglich 2020, 2023 und auch in diesem Jahr waren es nach dem Bestandsmonitoring der HGON landesweit drei oder vier verschiedene Schlangenadler (Übersicht der Sichtungen hier). Keiner dieser Vögel war jedoch so zuverlässig und über einen so langen Zeitraum zu sehen wie der Adler aus dem Bingenheimer Ried, so dass viele Birder und Naturinteressierte in den Genuss kamen, den seltenen Gast zu erleben. Als Beute nutzte der Adler nach den vorliegenden Beobachtungen vor allem Ringelnattern, die er im Rüttelflug erspähte und dann in einem rasanten Sturzflug erbeuten konnte.
Wer besonders viel Glück hatte, konnte gleichzeitig auch einen Seeadler über dem Ried kreisen sehen, der schon länger in der Wetterau anwesend ist. Zur selben Zeit zogen auch die ersten Fischadler auf ihrem Weg von den Brutgebieten in Ostdeutschland und Skandinavien zu den Winterquartieren in Westafrika über die Wetterau hinweg, so dass sich gleichzeitig drei Adlerarten in unserer Region aufhielten. „Da hier jede Adlerbeobachtungen eine Besonderheit darstellt, ist ein solches Zusammentreffen von gleich drei Arten ganz außergewöhnlich“, so die Einordung der HGON. Die Beobachtungen ermöglichen daher nicht allein eindrucksvolles Naturerleben, sie zeigen gleichzeitig die große Bedeutung der Schutzgebiete in der Wetterau für zahlreiche brütende und durchziehende Vogelarten, wie auch für nur selten erscheinende Gäste.