Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e.V.

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Ein Zaun schafft Nähe

Das Bingenheimer Ried gehört zu den herausragenden Feuchtgebieten in Hessen und ist überregional für seine große Bedeutung als Brut-, Rast- und Überwinterungsgebiet für zahlreiche Vogelarten bekannt. Die strukturreiche Landschaft aus offenen Wasserflächen, Feuchtwiesen und Röhrichten bietet Lebensraum für eine Vielzahl gefährdeter Tier- und Pflanzenarten und stellt damit ein zentrales Refugium im europäischen Vogelschutz dar.

Eingehende Untersuchungen zeigten jedoch, dass viele Bodenbrüter aufgrund der großen Zahl hier Nahrung suchender Waschbären und Rotfüchse kaum noch Jungvögel aufziehen konnten. Die Bestände dieser Arten wie Kiebitz oder gleich acht Entenarten nahmen daher deutlich ab. Um diese ökologisch wertvolle Fläche noch wirksamer zu schützen, wurde im Jahr 2022 ein umfassender Prädatorenschutzzaun errichtet, um Arten wie Fuchs und Waschbär aus dem Gebiet fernzuhalten und so Brutvogelarten wie den Kiebitz zu schützen. Die Vogelbestände nahmen daraufhin wieder stark zu, das zuvor befürchtete Aussterben der Arten konnte so sehr effektiv abgewendet werden.

Gleichzeitig war rasch ein unerwarteter, aber sehr faszinierender Effekt des Prädatorenschutzzaunes zu erkennen: die außerordentlich große Annäherung vieler brütender, jungeführender, aber auch rastender Vogelarten gegenüber den am Zaun spazieren gehenden oder Vögel beobachtenden Menschen. Offensichtlich haben viele Vogelarten im Gebiet schon wenige Monate nach der Errichtung des Zaunes gelernt, dass „von außen“ keine Störungen durch ins Gebiet streifende Hunde oder fotografierende Menschen mehr möglich sind. Ursprünglich führten solche, wenn auch nur in geringer Zahl auftretenden Störungen dazu, dass der Bereich von den umgebenden Feldwegen in einer Tiefe von etwa 30 bis 50 Metern nicht oder kaum von Brut- und Rastvögeln genutzt wurde.

Heute ist es ganz normal, dass die nächsten Kiebitze kaum zehn Meter von den Wegen entfernt brüten, Graugänse dort ihre Jungen aufziehen oder die verschiedenen Entenarten und Rastvögel wie Kampfläufer und Bruchwasserläufer aus nur rund 20 Meter Entfernung mit dem bloßen Auge zu bewundern sind. Das schafft nicht nur einmalige Möglichkeiten für Naturfotograf*innen, sondern ermöglicht der interessierten Öffentlichkeit, ganz ohne teure Optik, einen idealen Zugang zur Vielfalt und damit zur Schutzbedürftigkeit unserer heimischen Vogelwelt und Natur. Neben zahlreichen Exkursionen, die die HGON schon jetzt anbietet, wird das Naturschutzgebiet daher zu einer der Hauptsehenswürdigkeiten während der ersten interkommunalen Landesgartenschau in Hessen im Jahr 2027.

Werfen Sie gerne einen Blick in unseren Veranstaltungskalender sowie in unser Fortbildungsprogramm oder besuchen Sie das Bingenheimer Ried auf eigene Faust!

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