Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e.V.

Entdecken Erster Brutnachweis der Rohrweihe im Hochtaunuskreis

Vögel  Greifvögel und Eulen 

Erster Brutnachweis der Rohrweihe im Hochtaunuskreis

Die HGON im Hochtaunuskreis meldet die erste dokumentierte Brut der Rohrweihe im Kreisgebiet.

Aus einer Ackerbrut wurden Anfang August 4 Jungvögel flügge. Zur Unterstützung des Bruterfolgs auf Weizen wurde der Neststandort lokalisiert, mit dem bewirtschaftenden Landwirt ein vorübergehender Ernteverzicht vereinbart und ein Elektrozaun zum Schutz vor Prädation aufgestellt.

Die Rohrweihe ist in Hessen als Brutvogelart sehr selten. Die Verbreitungsschwerpunkte liegen in den Niederungsgebieten Südhessens, in den Kreisgebieten Groß-Gerau und im Wetteraukreis [1]. Das landesweite Monitoring zur Art geht für das Jahr 2020 von etwa 80 besetzten Revieren aus, in denen 7 Paare 23 Junge großzogen [1]. Ähnlich wie in den Vorjahren hatten Trockenheit und damit einhergehende niedrige Grundwasserstände zu mehreren Brutabbrüchen und Revieraufgaben geführt. Aus dem Erfassungsprogramm ist bekannt, dass auch einzelne Brutpaare in Hessen Ackerflächen als alternative Bruthabitate nutzen. Hinweise auf eine solche teilweise Umprägung gibt es europaweit seit ca. 1970.

Das hier vorgestellte Paar Rohrweihe war ab Mitte Mai auf einer knapp 100ha großen Ackerfläche mit überwiegendem Anbau von Weizen, Raps und Hafer aufgefallen. Es zeigte wiederholt Flugbalz; das Männchen wurde Nistmaterial tragend beobachtet sowie mehrfach revierhaltend gegenüber anderen Greifvogelarten. Trotz eines intensivierten Monitorings mit mehreren Beobachtern konnte der Neststandort bis Anfang Juli nicht ermittelt werden. Dies gelang am 08. Juli I. Rösler. Für einen umgehenden Nestschutz wurden am selben Tag Markierungspfosten eingeschlagen und Kontakt mit dem bewirtschaftenden Landwirt sowie dem Amt für den ländlichen Raum aufgenommen. Am 10. Juli konnte I. Rösler 4 Jungvögel beringen (Abb. 1,2). Dieser Bruterfolg ist gerade auch in Anbetracht des mäusearmen Jahres bemerkenswert.

Gelegeschutz

Zur Sicherung des Nests wurde ein vorübergehender Ernteverzicht für eine umgebende Getreideinsel von ca. 40 x 40m vereinbart. Diese Fläche wurde am Tag der Getreideernte zum Schutz vor Bodenprädatoren mit einem Elektro-Weidezaun für Schafe versehen (Abb. 3). Der Aufbau des Zauns am 15. Juli dauerte ca. 90 Minuten. Bereits wenige Minuten nach Fertigstellung der Einzäunung wurde das Nest vom Weibchen erneut angeflogen. Auch bei Kontrollen in den Folgetagen wurden Nestanflüge von Weibchen und Männchen festgestellt, sodass von einer weiterhin normalen Versorgung der Jungvögel ausgegangen werden konnte. Die erste Beobachtung der beinahe flüggen Jungvögel gelang am 01. August. Am 04. August konnte das Weibchen mit den Jungvögeln in der Nähe des Neststandorts fotografiert werden (Abb. 4). Der Zaun wurde am 10. August abgebaut.

Neben dem Weibchen gehörten auch drei Jungvögel der seltener auftretenden dunklen Morphe an. Das adulte Weibchen zeigte auf dem Hinterkopf lediglich zwei kleine cremefarbene Abzeichen (Abb. 5), während die dunklen Jungvögel einen deutlichen ockerfarbenen Fleck am Hinterkopf und einen weißlichen Fleck im Bauchgefieder aufwiesen (Abb. 6,7,8). Es dürfte sich bei den drei dunklen Jungvögeln ebenfalls um Weibchen handeln, da sie einen auffälligen Größenunterschied zu dem klassisch gefärbten kleineren Nestgeschwister aufwiesen (wie bei vielen Greifvögeln sind bei der Rohrweihe die Männchen kleiner als die Weibchen).

Fazit und Kommentar

Der Hochtaunuskreis bietet Rohrweihen keine Feuchtgebiete mit ausgedehnten Röhrichten als typische Bruthabitate. Im landesweiten Monitoring wird das Kreisgebiet bislang als einer von 4 hessischen Landkreisen ohne Brutgebiet geführt [1]. Allerdings sind aus dem Erfassungsprogramm aus den vergangenen Jahren 2 Bruthabitate von Rohrweihe in jeweils weniger als 10 Km Entfernung bekannt [1]. Eines dieser Habitate liegt südöstlich auf Frankfurter Gemarkung; dort konnte Rohrweihe seit dem Jahr 2017 regelmäßig erfolgreich brüten. Auch in diesem Jahr wurden dort 3 Jungvögel von I. Rösler beringt. Das andere Habitat befindet sich nordöstlich im Kreisgebiet Friedberg/Wetterau. Das vorgestellte Beispiel zeigt, dass es sich lohnen kann, revieranzeigendem Verhalten von Rohrweihe auch außerhalb traditioneller Bruthabitate nachzugehen.

Im geschilderten Fall war die Ermittlung des Neststandortes in Weizen erst wenige Tage vor Erntebeginn gelungen. Die Bemessung der Schonfläche wurde mit 40x40m großzügig gewählt, da aus einzelnen Schutzvorhaben in Getreide im Zusammenhang mit der Erntemaßnahme und/oder Umzäunung eine Aufgabe des Geleges bekannt wurde [2]. Allerdings waren die Jungvögel im vorgestellten Fall zum Erntezeitpunkt bereits ca. 20 Tage alt, sodass von einer fortgeschrittenen Bindung der Altvögel an die Nestlinge ausgegangen werden konnte. Die Vertragsgestaltung zur Entschädigung des Landwirts für den vorübergehenden Ernteverzicht erfolgte unkompliziert und zügig durch das Amt für den ländlichen Raum. Dem teilnehmenden Landwirt dankt die HGON für die engagierte Unterstützung der Maßnahme.

Ingo Rösler
Daniel Neubacher (AK-Leiter Hochtaunuskreis)

 

Referenzen

1 Kreuziger J. Staatliche Vogelschutzwarte für Hessen, Saarland und Rheinland-Pfalz. Monitoring Rohrweihe in Hessen 2017-2020.

2 Mayer G. Die Rohrweihe Circus aeruginosus mit Getreidebruten im Lechtal und Schilfbruten im Paartal und Donaumoos (Lkr. Aichach-Friedberg). Berichte des Naturwissenschaftlichen Vereins für Schwaben 118. Bd. 2014

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