Hessische Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz e.V.

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Lebensräume  Artenschutz 

Wasser für das „Pfungstädter Moor“

Kaum ein anderes NSG in Hessen wurde seit der Ausweisung im Jahr 1955 derart stark durch menschliche Aktivitäten in Mitleidenschaft gezogen wie das Pfungstädter Moor.

Autobahnbau, Mülldeponie und Kiesgruben zerstörten wertvolle Lebensräume, Grundwasserabsenkungen und in der Folge Grünlandumbrüche und intensiver Ackerbau trugen zum weiteren Niedergang dieses Kleinodes bei. Schließlich führten auch noch mehrere Brände zu erheblichen Schäden des Niedermoores. 

Bereits 25 Jahre nach der Ausweisung war daher die Zeit von Sumpf-Blutauge, Brachvogel und Bekassine vorbei. 

Zeitgleich begannen die verzweifelten Bemühungen des Naturschutzes, die letzten Reste zu sichern und eine Wiedervernässung des Moorkörpers zu erreichen. Damals war noch nicht die Rede von CO²-Speicherungsfähigkeiten intakter Moorkörper. Im Vordergrund stand die Erhaltung des letzten Restes des ehemals wesentlich größeren Feuchtgebietes als Lebensraum für Pflanzen und Tiere.  Die Einleitungen von (teilweise ungeklärtem Abwasser) oder von Oberflächenwasser aus dem Elsbach-Landbachsystem waren nicht von Dauer und brachten keine oder allenfalls temporär und kleinräumig geringe Erfolge. Und so titulierte Manfred Burg einen Beitrag in der Zeitschrift „Collurio“ im Jahr 1992 auch:

„18 Jahre Kampf um das „Pfungstädter Moor“ – und vielleicht doch alles umsonst?“

Erst die Einleitung von aufbereitetem Rheinwasser und eine Phase mit Grundwasserhochständen um die Jahrtausendwende ließen neue Hoffnung aufkommen. Die damals nahezu „paradiesischen“ Zustände, deren Ursachen und die Erfolge fanden Eingang in mehrere Publikationen (Gerdes & Wiegand 2000, Forst 2001, Fritz & Ludewig 1999, Fritz 2002). Die Euphorie hielt jedoch nur wenige Jahre. Die Rheinwasserverrieselung wurde bald wieder wegen kartellrechtlicher Bedenken eingestellt. Notgedrungen entstanden daher Überlegungen, durch künstlich angelegte Rinnensysteme und Vertiefungen wenigstens kleinräumig Feuchtflächen als Rückzugsräume zu schaffen. Nach Einholung der erforderlichen Genehmigungen konnten diese in mehreren Teilabschnitten in den Folgejahren auf Initiative der Naturschutzverbände BUND, HGON und NABU umgesetzt werden (Fritz 2006). Die Rückkehr wassergebundener Tier- und Pflanzenarten zeigten die Richtigkeit dieser Maßnahmen.

Trotz vielseitiger Initiativen zogen sich aber die Bemühungen und Verhandlungen über eine erneute und dauerhafte Bewässerung des gesamten Kerngebietes in die Länge. Zahlreiche Untersuchungen und Abstimmungen waren erforderlich, bis schließlich vom zuständigen Ministerium „Grünes Licht“ gegeben wurde. Nochmals vergingen Jahre – auch ausgebremst durch Zugangsbeschränkungen infolge der Afrikanischen Schweinepest – bis die Umsetzung erfolgen konnte.  

Umso erfreuter sind alle ehrenamtlich tätigen Naturschützer*innen, dass jetzt wieder Wasser in das Pfungstädter Moor fließt. Seit dem 20.07.2026 wird dem ehemaligen Moor über ein Verteilsystem aufbereitetes Rheinwasser zugeführt. Zwischen März und Oktober sollen jährlich 300.000 m³ den Wasserstand im Moorkörper anheben und das Rinnensystem füllen. Mehrere Kontrollbrunnen registrieren die Wasserstandsentwicklung und schalten den Zulauf automatisch ab, wenn die Überflutung angrenzender Ackerflächen oder eine Vernässung des benachbarten Deponiefußes drohen. Anlässlich einer Feierstunde am 19.08.2026 zum Beginn der Einleitung am Naturfreundehaus Pfungstadt, betonten die anwesenden Vertreter*innen aus Politik, Behörden und des Wasserverbandes Hessisches Ried die Bedeutung dieses Vorhabens für den Natur- und Klimaschutz. Ausnahmslos versicherten sie, das Ziel einer dauerhaften und nachhaltigen Stabilisierung des Wasserstandes zu verfolgen. Die Hessenschau berichtete am 20.08.2026 über die Veranstaltung und die begonnene Bewässerung. Weit über hundert interessierte Bürger*innen und engagierte Naturschützer*innen waren zu diesem Anlass zum Pfungstädter Moorhaus gekommen. Auch Mitglieder der HGON setzten sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder für die Wiedervernässung des Pfungstädter Moores ein, ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien nur nachstehende Personen erwähnt: W. Bauer, M. Burg, O. Conz, H.-G. Fritz und H. Wolf. Leider konnten nur noch wenige der aktiven Vordenker und -kämpfer der ersten Stunden den Neustart der Bewässerung erleben.

Zwischenzeitlich ist die NATURA 2000 Vogelschutzrichtlinie über 50 Jahre in Kraft und die Wiederherstellungsrichtlinie der EU fordert seit 2024, dass bis 2030 mindestens 20 % der Land- und Meeresflächen renaturiert werden und bis 2050 alle Ökosysteme, die der Wiederherstellung bedürfen, durch Maßnahmen verbessert werden. Die Umsetzung der Wiederbewässerung des Pfungstädter Moores fällt somit in eine Zeit, in der solche Maßnahmen nicht mehr nur als freiwillige Aufgaben verstanden werden können, vielmehr dienen sie der Verwirklichung rechtlicher Vorgaben. 

Die möglichst großflächig und dauerhaft angelegte Vernässung lässt deutliche Verbesserungen erwarten – auch wenn sich dies erst nach einigen Jahren zeigen wird. Wichtig erscheint eine regelmäßige Dokumentation der Entwicklung von Fauna und Flora und eine umfassende Information der Öffentlichkeit.

Literatur:

  • BURG, M. (1992): 18 Jahre Kampf um das NSG „Pfungstädter Moor“ – und vielleicht doch alles umsonst? Collurio 10: 56-59.
  • FORST, M. (2001): Grundwasserhochstände und Überflutungen westlich des Pfungstädter Moores im Frühjahr 2001 – Ursachen und Folgerungen -. Collurio 19: 106-112.
  • FRITZ, H.-G. & H.-H. LUDEWIG (1999): Betrachtungen über das Pfungstädter Moor im Landkreis Darmstadt-Dieburg. Collurio 17: 75-96.
  • FRITZ, H.-G. (2002): Biomonitoring 2001 und 2002 im Naturschutzgebiet Pfungstädter Moor. Collurio 20: 89-124.
  • FRITZ, H.-G. (2006): Beispielhafte Entwicklungsmaßnahmen im Natura 2000-Gebiet „Hessische Altneckarschlingen“ in den Gemarkungen Bickenbach und Pfungstadt. Collurio 24: 170-173.
  • GERDES, H. & M. WIEGAND (2000): Wiedervernässung des Pfungstädter Moores. Collurio 18: 161-180.
  • WOLF, H. (2009): Über die Bemühungen, das Pfungstädter Moor wieder zu bewässern – Ein Zwischenbericht. Collurio 27: 148-156.

Wolfgang Heimer - AK Dieburg